Kurdische Sprachen

Gemeinsamkeiten und Unterschiede innerhalb der kurdischen Sprachfamilie am Beispiel von Kurmandschi und Sorani
(aus Sicht eines Persisch-Lernenden)


1 Einleitung

2 Übersicht der kurdischen Sprachvarietäten

3 Schrift und Lautsystem

4 Gemeinsamer und divergierender Wortschatz

5 Nominalmorphologie

6 Verbalsystem

7 Schlussbetrachtung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Fußnoten

 

  •  

1 Einleitung

Wer Persisch lernt und sich anschließend dem Kurdischen zuwendet, macht eine doppelte Erfahrung. Einerseits begegnen einem viele vertraute Strukturen: die Ezafe, verwandte Verbstämme, ähnliche Präfixe und ein großer Teil des Grundwortschatzes. Andererseits stellt man schnell fest, dass es „das“ Kurdische nicht gibt. Je nachdem, ob man ein Lehrbuch des Kurmandschi oder des Sorani aufschlägt, findet man ein anderes Alphabet, andere Alltagswörter und in Teilen sogar einen anderen grammatischen Bau. Daraus ergibt sich die Leitfrage dieser Arbeit: Worin stimmen Kurmandschi und Sorani überein, worin unterscheiden sie sich, und welche dieser Unterschiede fallen gerade aus der Sicht eines Persisch-Lernenden ins Gewicht?

Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil beschreibt den Rahmen: die kurdischen Sprachvarietäten und ihre Einordnung in die nordwestiranischen Sprachen. Kurmandschi und Sorani stehen dabei aus zwei Gründen im Mittelpunkt. Sie sind die beiden mit Abstand sprecherstärksten kurdischen Varietäten, die zusammen von rund 95 % der Kurden gesprochen werden, und sie sind die einzigen, die über eine eigene standardisierte Schriftsprache verfügen. Südkurdisch, Gorani/Hawrami und Zazaki werden zwar im Überblick vorgestellt, wegen ihrer umstrittenen Zuordnung, ihrer regional begrenzten Verbreitung und ihrer geringen Vitalität in der vergleichenden Analyse aber nicht weiter berücksichtigt.

Der zweite Teil vergleicht die beiden Varietäten auf mehreren sprachlichen Ebenen: im Wortschatz, in der Nominalmorphologie, bei den Pronomen und Personalklitika sowie im Verbalsystem1. Wo es aufschlussreich ist, wird das Persische als dritte Vergleichsgröße herangezogen. So lässt sich zeigen, an welchen Stellen Persisch-Kenntnisse den Zugang erleichtern und an welchen sie eher in die Irre führen.

Methodisch stützt sich die Arbeit auf Referenzgrammatiken und Lehrbücher, vor allem Thackston (2006, 2017), Haig (2019), Omar (2021) und Paul (2014), sowie auf dialektologische Untersuchungen wie Matras (2019) und Haig/Öpengin (2014b). Die Beispiele und Tabellen sind eigene Darstellungen in Anlehnung an diese Quellen und werden zur besseren Vergleichbarkeit durchgehend in lateinischer Umschrift angegeben.

2 Übersicht der kurdischen Sprachvarietäten2

Kurdisch ist eine indoeuropäische Sprache aus der iranischen Sprachgruppe und zeichnet sich durch große dialektale Vielfalt aus, da sie bis heute nicht vereinheitlicht wurde. Die geografische und politische Aufteilung der Kurden auf mehrere Staaten (Irak, Iran, Syrien, Türkei und die ehemalige Sowjetunion) sowie deren unterschiedliche Sprachpolitik haben eine Annäherung der Dialekte verhindert.3


Abbildung 1: Karte der von den Kurden gesprochenen Sprachvarietäten (Öpengin, 2013)

Kurdisch ist eine Makrosprache aus mindestens fünf Varietätsgruppen: Nordkurdisch (Kurmandschi), Zentralkurdisch (Sorani), Südkurdisch (Kirmaschani/Faili/Kalhuri), Zazaki sowie Gorani/Hawrami. Sie gehören zum nordwestlichen Zweig der iranischen Sprachen innerhalb der indo-iranischen Sprachfamilie und stehen Sprachen wie Dari und Persisch nahe.4

Lediglich Kurmandschi und Sorani verfügen über standardisierte Schriftsprachen.5

Kurmandschi ist mit Abstand die größte Dialektgruppe. Sie wird von der Mehrheit der Kurden in der Türkei mit ca. 10–15 Mio, in Syrien mit ca. 2 Mio, im Irak mit ca. 1,5 Mio. und im Iran mit etwa 1 Mio. Darüber hinaus sind Sprecher in Armenien, Aserbaidschan und Georgien mit insgesamt ca. 500.000 bis 1 Mio. vorhanden. Somit wird Kurmandschi von etwa 65 % aller Kurden gesprochen.6

Die geografische Verteilung spiegelt die Anzahl der Dialekte wieder: nach Sheyholislami (2015) gibt es zwei Hauptgruppen: die erste ist Badini und wird gesprochen in Duhok, Teile der Provinz Erbil (Irak), Hakkari (Türkei) und im Nordwesten West-Aserbaidschans (Iran); die zweite Gruppe umfasst drei Dialekte: Zentral-Kurmandschi (Mardin, Batman, Diyarbakir in der Türkei, al-Hasaka in Syrien, sowie das jesidische Sindschar-Gebiet bei Mossul), West-Kurmandschi (nördlich von Aleppo sowie Gaziantep, Adiyaman, Kahramanmaraş und Malatya) und Nord-Kurmandschi (Tunceli, Bingöl, Muş, Ağrı, Erzurum, Kars, nördlich von Urmia sowie Armenien und Georgien).7

Anfang des 20ten Jahrhunderts gab es Versuche zu Standardisierung des Kurmandschi und ein Versuch, dessen Ergebnisse bis heute im Gebrauch sind, ist die Schaffung eines Schriftsprache in den 1930er Jahren in der Zeitschrift „Hawar“ , die in Damascus zw. 1932 und 1943 erschien. So wurde die heutige Schriftsprache auf Basis des Cizira-Botan-Dialekts kodifiziert und später durch Beiträge aller Kurmandschi-Dialekte bereichert.8

Sorani wird ausschließlich im Iran und Irak gesprochen. Als die Hauptvarietät der Regionalregierung Kurdistans im Irak dominiert deshalb Sorani in Verlagswesen, Rundfunk, Bildung und Verwaltung in dieser Region. Der literarische Standard basierte ursprünglich auf der Varietät von Sulaimani (Babani) und wurde durch Einflüsse aus Hawler, Mukriyan und Ardalan bereichert.9

Wie Kurmandschi teilt sich Sorani ebenfalls in mehrere regionale Dialekte auf. Wichtige dieser Unterdialekte sind Babani, Hawleri, Mukriyani und Ardalani. Die ersten beiden werden im irakischen, die anderen im iranischen Kurdistan gesprochen. Aufgrund geografischer Nähe steht Babani dem Ardalani nahe, Mukriyani dagegen dem Hawleri. Babani und Mukriyani prägen das Standard-Sorani bis heute am stärksten.10 Geschrieben wird Sorani überwiegend in einem modifizierten persisch-arabischen Alphabet.11

Wie oben dargestellt, sind die kurdischen Varietäten Kurmandschi und Sorani mit etwa 65 % resp. etwa 30 % in der kurdischen Bevölkerung vertreten. Den Rest bilden weitere Varietäten, die in verschiedenen Regionen gesprochen werden. Aufgrund der strittigen Zugehörigkeit zum kurdischen Sprachkontinuum12 oder sinkender Vitalität und somit steigender Gefährdung werden diese zwar hier vorgestellt aber in der Analyse nicht weiter berücksichtigt.

Südkurdisch (Pehlewani, Kirmashani) wird nur im Irak und Iran gesprochen. Es zerfällt in mehrere Dialekte wie Kirmashani, Garusi, Laki und Fayli/Ilami. Erst im letzten Jahrzehnt ist es in Medien und im Internet etwas sichtbarer geworden.

Gorani/Hawrami ist im Westiran und in Teilen des irakischen Kurdistans verbreitet. Viele Sprecher gehören der Yarsan-Religion an. Schon die Bezeichnung ist umstritten, und westliche Philologen grenzen es meist vom eigentlichen Kurdisch ab. Hawrami gilt als archaischste Form. Eine kleine intellektuelle Szene betreibt seit einigen Jahren verstärkt Kulturarbeit.

Zazaki (Dimilî, Kirdkî) wird in der Osttürkei von etwa 2–3 Millionen Menschen gesprochen. Sprachwissenschaftlich gilt es oft als nicht-kurdisch, die meisten Sprecher sehen sich aber als Kurden. Eine Schrifttradition entstand erst in den 1980er-Jahren, angestoßen von Intellektuellen in Westeuropa. Seitdem wächst das Angebot an Material nur bescheiden.

Alle drei Varietäten sind regional eng begrenzt. Südkurdisch und Gorani gibt es nur in Teilen zweier Staaten, Zazaki nur in einigen türkischen Provinzen. Jede Gruppe besteht aus mehreren Dialekten, etwa vier südkurdischen und drei zazakischen Untergruppen.13 Alle Dialekte weisen sinkende Sprecherzahlen und keine ausgeprägte Schriftkultur auf. Die Sprecherzahlen sind klein. Daher wurden diese Varietäten von der UNESCO als „definitely endangered“ eingestuft.14

3 Schrift und Lautsystem

Gemeinsam ist beiden Sprachvarietäten, dass es keinen allgemein anerkannten gesamtkurdischen Standard gibt. Jede Varietät hat ihre eigene Norm entwickelt: Kurmandschi vor allem durch Exilverlage, Zeitschriften und Sprachinitiativen und Sorani durch Schulbücher, Medien und staatliche Institutionen im Irak.15 Die unterschiedlichen Schriften verstärken die Trennung zusätzlich, denn selbst wer die andere Varietät sprachlich verstehen könnte, kann ihre Texte oft nicht lesen.16

So spiegeln die Schriftsysteme die politische Geografie. Kurmandschi wird heute überwiegend in der lateinischen Hawar-Schrift geschrieben, die Celadet Alî Bedirxan 1932 in Damaskus veröffentlichte; sie ist in der Türkei und Syrien Standard. Sorani verwendet ein modifiziertes arabisches Alphabet, das – anders als die persische Schrift – alle Vokale ausschreibt und eigene Zeichen etwa für ê, o, ř (gerolltes r) und ł (velarisiertes l) besitzt. Die Sorani-Schrift ist damit trotz gleichen Grundinventars in ihrer Logik einer Alphabetschrift näher als die persische Konsonantenschrift.17

Hier, im Lautsystem überwiegen die Gemeinsamkeiten. Beide Varietäten unterscheiden lange und kurze Vokale (etwa î gegenüber i, û gegenüber u), besitzen den Laut ê und kennen ein gerolltes rr neben einem einfachen r. Durch arabische Lehnwörter kommen in beiden die Rachenlaute ḥ und ʿ vor.18

Es gibt aber charakteristische Unterschiede. Kurmandschi unterscheidet behauchte und unbehauchte stimmlose Verschlusslaute, also etwa ein behauchtes und ein unbehauchtes p, t, k und ç. Diese Unterscheidung ist bedeutungstragend, wird im Hawar-Alphabet aber nicht geschrieben. Sorani kennt diese Opposition nicht, hat dafür das velarisierte, „dunkle“ ł als eigenes Phonem, etwa in guł („Blume“), wo Kurmandschi gul sagt.19

Hinzu kommen regelmäßige Lautentsprechungen. Ein Kurmandschi-v oder -b nach Vokal entspricht im Sorani oft einem w: Kurmandschi av („Wasser“) steht Sorani aw gegenüber, Kurmandschi şev („Nacht“) Sorani şew. Im Sorani wird außerdem ein d zwischen Vokalen häufig abgeschwächt oder fällt weg. Solche Entsprechungen sind für Lernende hilfreich, weil sie viele verwandte Wörter erkennbar machen, sobald man das Muster kennt.20

Alle Beispiele in dieser Arbeit sind zur besseren Vergleichbarkeit in lateinischer Umschrift angegeben.

4 Gemeinsamer und divergierender Wortschatz

Kurmandschi und Sorani teilen einen gemeinsamen iranischen Kern, unterscheiden sich im Wortschatz aber so stark, dass sich Sprecher ohne Übung oft nur teilweise verstehen. Die Unterschiede haben drei Hauptursachen: eigenständige Wortwahl im Grundwortschatz, Lehnwörter aus verschiedenen Nachbarsprachen und regel-mäßige Lautverschiebungen bei eigentlich gleichen Wörtern. Schon bei alltäglichen Begriffen greifen beide Varietäten oft zu völlig verschiedenen Wörtern. Das betrifft Adjektive, Zeitangaben, Fragewörter und viele Substantive des täglichen Lebens. Gerade diese häufigen Wörter erschweren das spontane gegenseitige Verständnis am stärksten; nicht nur zwischen Kurmandschi und Sorani, sondern bereits innerhalb der Varietäten, wie die nachfolgende Darstellung zeigt21.


Abbildung 2: Ein Beispiel für zehn Wörter aus der Swadesh-Liste für sechs kurdische Sprachen
(Bourgeois-Gironde, S., Ginsburgh, V., Hassani, H., Weber, S. (2026). “A Lingua Franca for Kurdish Populations, S. 582)

Daneben gibt es einen großen gemeinsamen Bestand, der in beiden Varietäten gleich oder fast gleich lautet: dest (Hand), nan (Brot), roj (Tag), jin (Frau), kar (Arbeit), hatin (kommen) oder mamoste (Lehrer). Dieser gemeinsame Kern zeigt die enge Verwandtschaft, wird aber durch die abweichenden Alltagswörter oft überdeckt.

Kurmandschi hat vor allem aus dem Türkischen entlehnt, Sorani vor allem aus dem Arabischen und Persischen. Der Grund liegt in der Geschichte: Die Mehrheit der Kurmandschi-Sprecher lebt seit Jahrhunderten im osmanischen bzw. türkischen Raum, während Sorani im irakisch-iranischen Umfeld entstand.

Im gesprochenen Kurmandschi der Türkei sind türkische Füll- und Bindewörter wie ama (aber), yanî (also, das heißt) oder hiç (gar nicht) weit verbreitet. Auch Alltagsbegriffe wie cadde (Straße) stammen aus dem Türkischen. Im Sorani heißt die Straße dagegen şeqam (شەقام), im iranischen Sorani auch xiyaban (خیابان) aus dem Persischen.

Arabische Wörter finden sich in beiden Varietäten, etwa über Religion und Verwaltung: dinya (Welt), hikûmet bzw. hukumet (Regierung) oder kitêb (Buch). Im Sorani ist dieser Anteil jedoch deutlich höher. Während Kurmandschi für „Buch“ heute bevorzugt das kurdische pirtûk verwendet, ist im Sorani das arabische kitêb Standard. Auch das Persische hat Sorani stärker geprägt, besonders in den Gebieten Irans. Viele Wörter sind durch die enge Verwandtschaft beider iranischen Sprachen kaum als Entlehnung zu erkennen. Die folgende Tabelle stellt die Übersetzung der zufällig ausgewählter deutscher Wörter in Kurmandschi und Sorani dar. Als Vergleich wurden die “großen” Nachbarn Persisch, Türkisch und Arabisch der Tabelle hinzugefügt.

Deutsch Kurmand. Sorani Persisch Türkisch Arabisch
Wasser av aw آب (āb) su ماء (māʾ)
groß mezin gewre بزرگ (bozorg) büyük كبير (kabīr)
schön xweşik cwan زیبا (zibā) güzel جميل (jamīl)
jetzt niha êsta الان (alān) şimdi الآن (al-ān)
gestern duh dwênê دیروز (diruz) dün أمس (ams)
warum çima bo, boçî چرا (cherā) neden لماذا (limādhā)
Kind zarok mindał بچه (bačče) çocuk طفل (ṭifl)
Freund heval hawrê دوست (dust) arkadaş صديق (ṣadīq)
Hund kûçik sag سگ (sag) köpek كلب (kalb)
Tür derî derga در (dar) kapı باب (bāb)
Buch pirtûk kitêb کتاب (ketāb) kitap كتاب (kitāb)
Stadt bajar şar شهر (šahr) şehir مدينة (madīna)
Schule dibistan qutabxane مدرسه (madrese) okul مدرسة (madrasa)
sprechen axaftin qise kirdin حرف زدن (harf zadan) konuşmak تكلّم (takallama)
sitzen rûniştin danîştin نشستن (nešastan) oturmak جلس (jalasa)
Tabelle 1: Übersetzung zufälliger deutscher Wörter (Eigene Darstellung)

Wie oben angedeutet, gehen scheinbar verschiedene Wörter auf dieselben Wurzeln zurück, klingen aber durch regelmäßige Lautentsprechungen verschieden. Wer diese Muster kennt, kann einen großen Teil des Wortschatzes der jeweils anderen Varietät erschließen. 22

v ↔ w: Kurmandschi av entspricht Sorani aw (Wasser), çav entspricht çaw (Auge), welat entspricht wiłat (Land).

Eingeschobenes d in Verben: Sorani fügt in vielen Infinitiven ein d ein: xwarin → xwardin (essen), kirin → kirdin (machen), mirin → mirdin (sterben).

Dunkles ł: Sorani unterscheidet ein velarisiertes ł vom hellen l: mal → mał (Haus).

p ↔ b und weitere Vokalverschiebungen: piçûk → biçûk (klein), pere → pare (Geld), keç → kiç (Mädchen), spas → supas (danke), îro → emro (heute).

Wie MacKenzie (1961a) darstellt, sind diese Unterschiede systematisch und nicht zufällig. Sie erklären, warum geübte Hörer nach kurzer Zeit deutlich mehr verstehen als beim ersten Kontakt.23

Auch bei neuen Wörtern gehen beide Varietäten oft getrennte Wege. Da es keine gemeinsame kurdische Sprachakademie für alle Länder gibt, entstehen Fachbegriffe parallel. So heißt „Universität“ im Kurmandschi zanîngeh, im Sorani dagegen zanko. Beide Wörter bauen auf der kurdischen Wurzel zan- (wissen) auf, sind aber unterschiedlich gebildet.

In beiden Sprachgemeinschaften gibt es puristische Bestrebungen, Lehnwörter durch kurdische Bildungen zu ersetzen. Im Kurmandschi richten sie sich vor allem gegen türkische Wörter, im Sorani eher gegen arabische. Manche Neubildungen wie rojname (Zeitung) oder nexweşxane bzw. nexoşxane (Krankenhaus) haben sich in beiden Varietäten durchgesetzt und stärken den gemeinsamen Wortschatz.

5 Nominalmorphologie

Im Nominalbereich liegt der größte Unterschied zwischen den beiden kurdischen Varietäten: Kurmandschi hat Kasus und Genus bewahrt, Sorani hat beides weitgehend verloren und steht darin dem Persischen nahe.

5.1 Kasus

Kurmandschi unterscheidet zwei Kasus, einen Rektus (Direktkasus) und einen Obliquus. Der Rektus ist die unmarkierte Grundform; der Obliquus wird für das direkte Objekt im Präsens, für Ergänzungen von Präpositionen, für den Possessor und – in den Vergangenheitstempora transitiver Verben – für das Agens gebraucht. Im Singular ist die Obliquusendung genusabhängig: feminin -ê, maskulin -î oder Umlaut (in der Standardgrammatik oft endungslos bzw. mit Vokalwechsel wie bajar → bajêr „Stadt“). Im Plural lautet sie einheitlich -an.

    • Ez jinê dibînim. – „Ich sehe die Frau.“ (jin f., Obliquus jinê)


    • Ez jinan dibînim. – „Ich sehe die Frauen.“

Sorani kennt in der Standardsprache keinen morphologischen Kasus mehr am Substantiv. Reste eines Obliquus finden sich lediglich in einigen Dialekten (etwa im Mukri-Gebiet) und in erstarrten Formen. Die grammatischen Rollen werden durch Wortstellung, Präpositionen und vor allem durch Personalklitika (Kap. 5) ausgedrückt.

Persisch hat ebenfalls keinen Kasus im engeren Sinn, besitzt aber eine Objektpostposition: -râ markiert das definite direkte Objekt (ketâb-râ xândam „ich las das Buch“ gegenüber ketâb xândam „ich las (ein) Buch / ich habe Bücher gelesen“). Diese differentielle Objektmarkierung hat weder im Kurmandschi noch im Sorani eine direkte Entsprechung.

5.2 Genus

Kurmandschi unterscheidet Maskulinum und Femininum. Das Genus ist am Substantiv selbst meist nicht sichtbar, zeigt sich aber in der Obliquusendung, in der Ezafe (s.u.) und im Indefinitsuffix (-ek bzw. obliquus m. -ekî, f. -ekê). Sorani und Persisch kennen kein grammatisches Genus; nicht einmal das Personalpronomen der 3. Person unterscheidet „er“ und „sie“ (Sorani ew, Persisch u), während Kurmandschi im Obliquus wî (m.) und wê (f.) trennt.

5.3 Definitheit und Numerus

Hier zeigt sich eine eigene Innovation des Sorani: Es besitzt einen suffigierten definiten Artikel -eke (Plural -ekan), der weder im Kurmandschi noch im Standardpersischen vorhanden ist.

  Kurmandschi Sorani Persisch
ein Junge kurek kuřêk pesar-i / yek pesar
der Junge kur (unmarkiert) kuř-eke pesar (umgangsspr. pesar-e)
die Jungen kur / Obl. kuran kuř-ekan pesar-hâ / pesar-ân
Tabelle 2: Definitheit und Numerus in Kurmandschi, Sorani und Persisch (Eigene Darstellung)

Das Indefinitsuffix ist in allen drei Sprachen vom Zahlwort „eins“ abgeleitet (Kurmandschi -ek, Sorani -êk, Persisch -i). Der Plural wird im Kurmandschi im Rektus meist gar nicht am Nomen markiert, sondern nur am Verb, an der Ezafe oder durch den Obliquus -an; Sorani markiert den Plural mit -an bzw. definit -ekan; das Persische nutzt -hâ (allgemein) und -ân (vor allem bei Belebtem und in gehobener Sprache). Bemerkenswert ist, dass das persische umgangssprachliche -e als Definitmarker eine typologische Parallele zum Sorani-Artikel bildet – ein Beispiel für konvergente Entwicklung im Kontaktraum.

5.4 Die Ezafe-Konstruktion

Die Ezafe ist das deutlichste gemeinsame Merkmal aller drei Sprachen: Ein Bindeelement verknüpft das Kopfnomen mit einem nachfolgenden Attribut, sei es ein Adjektiv, ein Possessor oder eine Präpositionalphrase. Die Reihenfolge ist stets Kopf – Ezafe – Attribut, also umgekehrt zum Deutschen („das große Haus“).

Bedeutung Kurmandschi Sorani Persisch
der gute Junge kur-ê baş kuř-e baş-eke pesar-e xub
das große Haus mal-a mezin mał-e gewre-ke xâne-ye bozorg
die guten Jungen kur-ên baş kuř-e baş-ekan pesar-hâ-ye xub
ein guter Junge kur-ek-î baş kuř-êk-î baş pesar-e xub-i
das Buch des Lehrers pirtûk-a mamoste kitêb-î mamosta ketâb-e mo‘allem
Tabelle 3: Die Ezafe-Konstruktion in Kurmandschi, Sorani und Persisch (Eigene Darstellung)

5.5 Pronomen & Personalklitika

Beide Varietäten haben selbstständige Personalpronomen, doch Sorani verlagert einen großen Teil der Arbeit auf angehängte Kurzformen, sogenannte Klitika, die Kurmandschi kaum kennt. Die freien Pronomen sind sich ähnlich, verhalten sich aber verschieden. Kurmandschi unterscheidet bei den meisten Personen eine Rectus- und eine Obliquusform:

Person Kurmandschi Rektus Kurmandschi Obliquus Sorani Persisch
1. Sg. ez min min man
2. Sg. tu te to to
3. Sg. ew wî (m.) / wê (f.) ew u / vey
1. Pl. em me ême mâ
2. Pl. hûn we êwe šomâ
3. Pl. ew wan ewan išân / ânhâ
Tabelle 4: Pronomen in Kurmandschi, Sorani und Persisch (Eigene Darstellung)

Der eigentliche Unterschied liegt bei den Personalklitika. Sorani besitzt eine Reihe unbetonter Pronominalsuffixe: -(i)m „mein/mich“, -(i)t „dein/dich“, -î „sein/ihr“, -man „unser“, -tan „euer“, -yan „ihr (Pl.)“. Sorani und Persisch besitzen eine Reihe enklitischer Pronomen, die Kurmandschi im Standard fehlt:

Person Sorani Persisch
1. Sg. -(i)m -am
2. Sg. -(i)t -at
3. Sg. -î -aš
1. Pl. -man -emân
2. Pl. -tan -etân
3. Pl. -yan -ešân
Tabelle 5: Enklitische Pronomen in Sorani und Persisch (Eigene Darstellung)

Die enklitische Pronomen erfüllen Aufgaben wie Besitz, Objekt im Präsens und Subjekt in der Vergangenheit24.

    • Besitz: kitêbekem „mein Buch“ (wörtlich „Buch-das-mein“), während Kurmandschi die Ezafe mit freiem Pronomen nutzt: pirtûka min.


    • Objekt im Präsens: deybînim „ich sehe ihn/sie“, wobei -y- das Objekt bezeichnet.

Diese Klitika sind mobil, also beweglich: Sie heften sich an das erste geeignete Element der Verbalphrase, etwa an ein Objekt, eine Negation oder ein Präverb, und nicht zwingend an das Verb. Gerade diese Beweglichkeit macht Sorani-Sätze für Kurmandschi-Sprecher schwer durchschaubar, obwohl die Wortstämme oft bekannt sind.

Kurmandschi drückt Possession dagegen analytisch mit der Ezafe aus (pirtûk-a min „mein Buch“, wörtlich „Buch-(Ezafe) ich.Oliquus“) und Objekte durch freie Pronomen im Obliquus (Ez te dibînim „ich sehe dich“). Der Vergleich desselben Satzes macht den Typunterschied deutlich:

Kurmandschi Sorani Persisch
Ez te dibînim. de-t-bîn-im To-râ mibinam
2. Sg. -(i)t -at

Sorani kann in einem einzigen Verbwort Subjekt und Objekt ausdrücken; Persisch tut das nur umgangssprachlich; Kurmandschi braucht immer freie Pronomen.

6 Verbalsystem

Im Verbalsystem sind sich Kurmandschi und Sorani am ähnlichsten: Grundstruktur, Präfixe und Personalendungen entsprechen sich weitgehend. Unterschiede gibt es vor allem beim Futur und beim Passiv. Aus Platzgründen wird in diesem Kapitel auf die Basiskonjugation der Verben und da Bilden von Präsens, Negation, Futur und Präteritum eingegangen.

6.1 Infinitiv und Stamm

Jedes Verb hat in beiden Varietäten einen Präsens- und einen Vergangenheitsstamm, die oft unregelmäßig zueinander stehen. Die Stämme sind oft unregelmäßig zueinander und müssen gelernt werden, entsprechen sich aber über die Sprachen hinweg erstaunlich genau:

Bedeutung Sprache Infinitiv Präsensstamm Präteritumstamm
gehen Kurmandschi çûn ç- çû-
  Sorani çûn ç- çû-
  Persisch raftan rav- raft-
essen Kurmandschi xwarin xw- xwar-
  Sorani xwardin xo- xward-
  Persisch xordan xor- xord-
sehen Kurmandschi dîtin bîn- dît-
  Sorani dîtin / bînîn bîn- dît- / bînî-
  Persisch didan bin- did-
tun Kurmandschi kirin k- kir-
  Sorani kirdin ke- kird-
  Persisch kardan kon- kard-
studieren Kurmandschi xwendin xwîn- xwend-
  Sorani xwêndin xwên- xwênd-
  Persisch (dars) xândan xân- xând-
Tabelle 6: Beispiele für Verbstamm in Präsens und Präteritum (eigene Darstellung)

Die Präfixe für den imperfektiven Aspekt, den Konjunktiv und die Negation entsprechen sich funktional eins zu eins:

Funktion Kurmandschi Sorani Persisch
Präsens/imperfektiv di- (dixwînim „ich lese“) de- (dexwênim) mi- (mixânam)
Konjunktiv/Imperativ bi- (bixwînim) bi- (bixwênim) be- (bexânam)
Negation Präsens (s.u.) na- (naxwînim) na- (naxwênim) ne- (nemixânam)
Negation sonst ne- ne- na-/ne-
Tabelle 7: Präfixe für den imperfektiven Aspekt, den Konjunktiv und die Negation (eigene Darstellung)

Die Präfixe bi-/be- sind gemeinsames Erbe. Die Imperfektivpräfixe di- und de- sind dagegen kurdische Bildungen, die funktional dem persischen mi- (aus mittelpersisch hamē „immer“) entsprechen. Bemerkenswert ist, dass das Kurmandschi und das Sorani die Negation na- an die Stelle des Imperfektivpräfixes setzen (naxwînim, nicht *nadixwînim), während das Persische beide kombiniert (ne-mi-xânam).

6.2 Präsens

Das Präsens wird mit einem Präfix gebildet, das im Kurmandschi di- und im Sorani de- lautet. Der Konjunktiv und der Imperativ tragen in beiden das Präfix bi-. Auch die Personalendungen sind eng verwandt:

Person Kurmandschi Sorani
ich lese dixwînim dexwênim
du liest dixwînî dexwênît
er/sie liest dixwîne dexwênê(t)
wir lesen dixwînin dexwênîn
ihr lest dixwînin dexwênin
sie lesen dixwînin dexwênin
Tabelle 8: Konjugation der Verben im Präsens am Beispiel von “lesen” (eigene Darstellung)

Auffällig ist, dass Kurmandschi im Plural nur eine einzige Endung -in kennt, während Sorani die drei Pluralpersonen teilweise unterscheidet.

6.3 Negation

Die Verneinung folgt in beiden einem ähnlichen Muster. Im Präsens ersetzt na- das Präsenspräfix (Kurmandschi naxwînim, Sorani naxwênim „ich lese nicht“), in der Vergangenheit steht ne-. Im verneinten Imperativ verwenden beide me- (Kurmandschi auch ne-).

Person Kurmandschi Sorani
ich lese nicht ez naxwînim min naxwênim
du liest nicht tu naxwînî to naxwênît
er/sie liest nicht ew naxwîne ew naxwênêt
wir lesen nicht em naxwînin ême naxwênîn
ihr lest nicht hûn naxwînin êwe naxwênin
sie lesen nicht ew naxwînin ewan naxwênin
Tabelle 9: Negation der Verben im Präsens am Beispiel von “lesen” (eigene Darstellung)

6.4 Futur

Kurmandschi bildet das Futur aus der Partikel ê und dem Konjunktiv mit bi- und dem Präsensstamm xwîn. Nach einem Vokal wird die Partikel oft zu yê, also tu yê. In der Umgangssprache wird sie auch an das Pronomen angehängt, zum Beispiel ezê bixwînim. Sorani hat kein eigenes Futur. Man nimmt die Präsensform mit de-, und ob Zukunft gemeint ist, zeigt der Zusammenhang, oft ein Zeitwort wie sibeynê („morgen“): sibeynê dexwênim heißt „morgen werde ich lesen“. Die Pronomen in Klammern kann man weglassen, weil die Person schon an der Verbendung zu erkennen ist. Statt dexwênêt hört man auch die Kurzform dexwênê.

Person Kurmandschi Sorani
ich werde lesen ez ê bixwînim (min) dexwênim
du wirst lesen tu yê bixwînî (to) dexwênît
er/sie/es wird lesen ew ê bixwîne (ew) dexwênêt
wir werden lesen em ê bixwînin (ême) dexwênîn
ihr werdet lesen hûn ê bixwînin (êwe) dexwênin
sie werden lesen ew ê bixwînin (ewan) dexwênin
Tabelle 10: Konjugation der Verben im Futur am Beispiel von “lesen” (eigene Darstellung)

6.5 Präteritum

Das Präteritum (auch Imperfekt, einfache Vergangenheit oder erste Vergangenheit genannt) wird im Kurmandschi wie folgt gebildet: Die Person steht im Obliquus (min, te, wî/wê …). Das Verb verändert sich dabei nicht, sondern richtet sich nach dem Objekt (min pirtûk xwend = „ich las das Buch“; min pirtûk xwendin = „ich las die Bücher“).

Im Sorani: Die Person wird durch eine angehängte Endung markiert. Diese Endung wandert an das erste Wort vor dem Verb (kitêbekem xwênd = „ich las das Buch“).

Person Kurmandschi Sorani
ich las min xwend xwêndim
du last te xwend xwêndit
er/sie/es las wî / wê xwend xwêndî
wir lasen me xwend xwêndman
ihr last we xwend xwêndtan
sie lasen wan xwend xwêndyan
Tabelle 11: Konjugation der Verben im Präteritum am Beispiel von “lesen” (eigene Darstellung)

6.6 Imperativ

Den Imperativ gibt es in beiden Sprachen nur für „du“ und „ihr“. Er setzt sich aus der Vorsilbe bi-, dem Präsensstamm (xwîn bzw. xwên) und einer Endung zusammen: -e im Singular, -in im Plural. Bei der Verneinung steht statt bi- im Kurmandschi ne- und im Sorani me-.

  Kurmandschi Sorani
du (2. Sg.) bixwîne! bixwêne!
ihr (2. Pl.) bixwînin! bixwênin!
du, verneint (lies nicht!) nexwîne! mexwêne!
ihr, verneint (lest nicht!) nexwînin! mexwênin!
Tabelle 12: Bildung des Imperativs am Beispiel von “lesen” (eigene Darstellung)

6.7 Passiv

Hier unterscheiden sich die Varietäten deutlich. Kurmandschi bildet das Passiv umschreibend mit dem Hilfsverb hatin „kommen“: Ew hat kuştin „Er wurde getötet“, wörtlich „Er kam töten“. Sorani hat ein synthetisches Passiv mit dem Suffix -r(ê)- am Verbstamm: kujra „er wurde getötet“, dekujrê „er wird getötet“. Sorani bildet hier also eine eigene Verbform, wo Kurmandschi zwei Wörter braucht.

Person Kurmandschi Sorani
Präsens    
ich werde getötet ez têm kuştin dekujrêm
du tu têyî kuştin dekujrêyt
er/sie/es ew tê kuştin dekujrê(t)
wir em tên kuştin dekujrêyn
ihr hûn tên kuştin dekujrên
sie ew tên kuştin dekujrên
Präteritum    
ich wurde getötet ez hatim kuştin kujram
du tu hatî kuştin kujrayt
er/sie/es ew hat kuştin kujra
wir em hatin kuştin kujrayn
ihr hûn hatin kuştin kujran
sie ew hatin kuştin kujran

7 Schlussbetrachtung und Ausblick

Ziel dieser Arbeit war es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Kurmandschi und Sorani herauszuarbeiten und sie aus der Perspektive eines Persisch-Lernenden einzuordnen. Der Vergleich zeigt, dass beide Varietäten eindeutig auf einen gemeinsamen nordwestiranischen Kern zurückgehen, sich aber auf verschiedenen Ebenen unterschiedlich weit voneinander entfernt haben.

Bereits die äußeren Bedingungen trennen die beiden Varietäten. Eine gemeinsame Standardsprache gibt es nicht, und die politische Aufteilung des kurdischen Siedlungsgebiets spiegelt sich unmittelbar in den Schriftsystemen wider: Kurmandschi wird überwiegend in der lateinischen Hawar-Schrift geschrieben, Sorani in einem modifizierten arabischen Alphabet. Das ist eine Hürde, die mit den eigentlichen sprachlichen Unterschieden nichts zu tun hat. Im Lautsystem überwiegen dagegen die Gemeinsamkeiten.

Für Persisch-Lernende ergibt sich daraus ein zweigeteiltes Bild. In mehreren Punkten steht Sorani dem Persischen näher als Kurmandschi: Es hat kein Genus und keinen Kasus, verwendet enklitische Pronomen, wird in arabisch-persischer Schrift geschrieben und hat viele persische und arabische Lehnwörter. Der Einstieg fällt deshalb hier meist leichter. Allerdings bietet gerade Sorani auch Neues, das man aus dem Persischen nicht kennt: den definiten Artikel und die Beweglichkeit der Klitika, die sich an das erste geeignete Element der Verbalphrase heften. Kurmandschi wirkt mit Genus, Obliquus und lateinischer Schrift auf den ersten Blick fremder. Seine analytische Bauweise, etwa Possession über Ezafe und freie Pronomen, ist jedoch durchsichtig und dem Persischen strukturell ebenfalls nicht fern. Die Ezafe und der Aufbau des Verbs sind schließlich die Brücke, die alle drei Sprachen verbindet und auf der Persisch-Kenntnisse am unmittelbarsten nutzbar sind.

Daraus ergeben sich Ansatzpunkte für weitere Untersuchungen. Naheliegend wäre ein Vergleich der ergativen Strukturen, die im Kurmandschi über den Obliquus und im Sorani über die Personalklitika ausgedrückt werden und damit einen weiteren Kernunterschied der beiden Varietäten zeigen. Lohnend wären außerdem eine systematische Untersuchung der gegenseitigen Verständlichkeit auf der Grundlage einer geprüften Swadesh-Liste sowie die Einbeziehung von Südkurdisch, Gorani und Zazaki. Schließlich bleibt die Frage offen, ob sich unter den heutigen politischen Bedingungen eine gemeinsame kurdische Schrift- oder Verkehrssprache herausbilden kann, wie sie etwa Bourgeois-Gironde et al. (2026) diskutieren, oder ob sich Kurmandschi und Sorani als zwei eigenständige Standards weiter auseinanderentwickeln.

Literaturverzeichnis

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Anhang

Die kurdischen und das persische Alphabet in Anlehnung an Wikipedia (2026f): Kurdish alphabets; Guth, S. (2012): Die Hauptsprachen der Islamischen Welt : Strukturen, Geschichte, Literaturen. S. 293f

IPA Kurmandschi Sorani Persisch Anmerkung
/b/ B b ب ب  
/p/ P p پ پ  
/t/ T t ت ت  
/d/ D d د د  
/k/ K k ک ک  
/g/ G g گ گ  
/q/ Q q ق ق  
/ʔ/ ʼ (nicht im Standardalphabet) ئ ء / ئ Kehlkopfverschluss
/ʕ/ ʼ (in Lehnwörtern) ع ع  
/tʃ/ Ç ç چ چ  
/dʒ/ C c ج ج  
/f/ F f ف ف  
/v/ V v ڤ و Persisch hat kein eigenes ڤ
/s/ S s س س Persisch auch ث، ص (Lehnwörter)
/z/ Z z ز ز Persisch auch ذ، ض، ظ (Lehnwörter)
/ʃ/ Ş ş ش ش  
/ʒ/ J j ژ ژ  
/x/ X x خ خ  
/ɣ/ ẍ / xh (nicht im Standardalphabet) غ غ  
/h/ H h ھ / ه ه  
/ħ/ Ḥ / H (Lehnwörter) ح ح  
/m/ M m م م  
/n/ N n ن ن  
/l/ L l ل ل  
/ɫ/ L l (keine Unterscheidung) ڵ ل „dunkles L“, nur Sorani
/ɾ/ R r ر ر geschlagenes R
/r/ Rr / R am Wortanfang ڕ ر gerolltes R
/j/ Y y ی ی  
/w/ W w و و  
/a/ ~ /ɑː/ A a ا ا  
/ɛ/ ~ /æ/ E e ە ـَ (Fatha) / ه am Wortende  
/e/ Ê ê ێ ـِ (Kasra)  
/ɪ/ I i (nicht geschrieben) ـِ (Kasra) kurzes i bleibt im Sorani meist unbezeichnet
/i/ Î î ی ی  
/o/ O o ۆ ـُ (Damma)  
/ʊ/ U u و ـُ (Damma)  
/u/ Û û وو و  

 


Fußnoten

  1. Das Verbalsystem wird auf die Grundformen beschränkt; die Ergativität in den Vergangenheitstempora transitiver Verben wird nur gestreift, weil eine angemessene Darstellung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. ↩
  2. Der Begriff „Sprachvarietät“ wird in diesem Aufsatz bevorzugt, weil er neutral ist und keine Wertung enthält, während die Unterscheidung zwischen „Sprache“ und „Dialekt“ oft eine Hierarchie nahelegt: Die „Sprache“ (meist die Standardsprache) erscheint als richtig, vollständig und prestigeträchtig, der „Dialekt“ dagegen als minderwertige, fehlerhafte oder bloß abgeleitete Form. Nach Riehl, C.M. (1999) lässt sich diese Grenze aber kaum sauber ziehen. Ob etwas als eigene Sprache oder als Dialekt gilt, hängt häufig von politischen, historischen und kulturellen Faktoren ab und nicht von sprachlichen Merkmalen. Das zeigt etwa der bekannte Ausspruch von Max Weinreich, eine Sprache sei „ein Dialekt mit Armee und Flotte“. ↩
  3. Vgl. Guth, S. (2012): Die Hauptsprachen der Islamischen Welt : Strukturen, Geschichte, Literaturen, S. 266 ↩
  4. Vgl. Wikipedia (2026e): Kurdische Sprachen; Sheyholislami, J. (2015): The language varieties of the Kurds, S. 30f ↩
  5. Vgl. Paul, L. (2014): Kurdisch – Wort für Wort, S. 18; Bourgeois-Gironde, S., Ginsburgh, V., Hassani, H., Weber, S. (2026). A Lingua Franca for Kurdish Populations, S. 579-580 ↩
  6. Vgl. Sheyholislami, J. (2015): The language varieties of the Kurds, S. 31f ; Bourgeois-Gironde, S., Ginsburgh, V., Hassani, H., Weber, S. (2026). “A Lingua Franca for Kurdish Populations.“ S. 580f; Kurdish Institute of Paris (2026a): The Kurdish population ↩
  7. Eine gute Auflistung der einzelnen Dialekte liefert die russischsprachige Wikipedia (2026b): Диалекты курдского языка. ↩
  8. Vgl. Wurzel, P. (1997): Rojbaş : Einführung in die kurdische Sprache, S. XIII; Wikipedia (2026f): Kurdish alphabets. ↩
  9. Vgl. Sheyholislami, J. (2015): The language varieties of the Kurds, S. 31 ↩
  10. Vgl. Sheyholislami, J. (2015): The language varieties of the Kurds, S. 31 ↩
  11. Vgl. Wikipedia (2026f): Kurdish alphabets. ↩
  12. Gorani und Zazaki werden von vielen Fachleuten wie zB David Neil MacKenzie, Ludwig Paul oder Jost Gippert als jeweils eigene nordwestiranische Sprachen gesehen und zum Kurdischen nicht gezählt. ↩
  13. Vgl. Wikipedia (2026b): Диалекты курдского языка ↩
  14. Vgl. The Guardian (2011): Endangered languages: the full list ↩
  15. Vgl. Dingley, J. (2011): Kurdistan zwischen Autonomie und Selbstverantwortung; Wikipedia (2026c): Autonome Region Kurdistan ↩
  16. zur Vertiefung s. Wurzel, P. (1997): Rojbaş : Einführung in die kurdische Sprache, S. XVIf; Omar, F.F. (2021): Kurdische Grammatik (Zentralkurdisch/Soranî), S. 13-15. ↩
  17. Vgl. Wikipedia (2026d): Kurdische Alphabete; Paul, L. (2014): Kurdisch – Wort für Wort, S. 20f; Omar, F.F. (2021): Kurdische Grammatik (Zentralkurdisch/Soranî), S. 13 ↩
  18. ausführliche Darstellung der Schriften und Laute s. Anhang ↩
  19. Vgl. MacKenzie, D. N. (1961a): Kurdish Dialect Studies I, S. 220–225 ↩
  20. moderne Kommunikationssysteme erlauben eine direkte Kommunikation der unterschiedlichen Dialektträger über mehrere Stufen einem Sprachkontinuum. So liefern die direkten Vergleiche im Internet aufschlussreiche Ergebnisse, wie zB Bahador Atlas (2026): Kurdish Dialects | Can they Understand Each Other?. Nach anfänglichen Schwierigkeiten können die Experimentteilnehmer sich besser verständigen, sobald das Lautsystem der jeweiligen Sprache verstanden wurde ↩
  21. weitere aufschlussreiche Beispiele liefert Matras, Y. (2019): ”Revisiting Kurdish dialect geography: Findings from the Manchester Database.”, S. 13 ↩
  22. Vgl. Untersuchungen von Matras, Y. (2019): ”Revisiting Kurdish dialect geography: Findings from the Manchester Database.” ↩
  23. auch hier wird auf das aufschlussreiche Experiment verwiesen: Bahador Atlas (2026): Kurdish Dialects | Can they Understand Each Other? ↩
  24. wobei auf das letztere nicht näher eingegangen wird, weil dies das Konzept der Ergativität impliziert, auf welches aus Platzgründen nicht weiter eingegangen wird. ↩